[Er­wei­ter­te Fas­sung] Selb­stän­dig und frei­be­ruf­lich tä­ti­ge Schuld­ner sind in der Zwangs­voll­stre­ckung ei­ne Ziel­grup­pe mit ei­ni­gen Be­son­der­hei­ten. Das be­ginnt bei der Sach­auf­klä­rung und setzt sich in der For­de­rungs­pfän­dung fort. Wenn der Gläu­bi­ger bzw. die Voll­stre­ckungs­be­hör­de Glück hat, gibt der Schuld­ner in sei­ner Ver­mö­gens­aus­kunft auf der zwei­ten Sei­te des Er­gän­zungs­blatts I kon­kre­te Auf­trä­ge an. Beispiele:

Auftraggeber(in)
(Na­me, Be­ruf und An­schrift ge­nau angeben)
Art des Auf­trags
(auch In­stand­set­zun­gen angeben!)
Der/ die. Auftraggeber(in) hat
vor­aus­sicht­lich zu zahlen:
Mus­ter­hau­sen Ver­wal­tungs GmbH La­den­bau am 31.08.20201.000 €
Elb­st­ein Pro­jek­te, Inh. Pe­ter SilieLa­den­bau am 15.09.20201.200 €
Aus­zug aus dem Vermögensverzeichnis

Für den Gläu­bi­ger bzw. die Voll­stre­ckungs­be­hör­de stellt sich dann die Fra­ge, wie in die­sem Fall ei­ne Pfän­dung for­mu­liert wer­den soll­te. Die Voll­stre­ckungs­be­hör­de ent­schei­det über das Ob und Wie im Rah­men ih­res Ermessens. 

Die Pro­ble­ma­tik äh­nelt ei­ner Ta­schen­lam­pe mit ver­stell­ba­rem Fo­kus. Ganz eng ein­ge­stellt, leuch­tet sie nur ei­nen klei­ne Be­reich aus. Auf die Pfän­dung über­tra­gen, steht das ei­ner Pfän­dung Ver­gü­tungs­an­sprü­che aus den kon­kre­ten Auf­trä­gen gleich. Die For­mu­lie­rung könn­te dann lauten:

Ver­gü­tungs­an­sprü­che des Schuld­ners aus dem Auf­trag zum La­den­bau am 31.08.2020

Das ist nicht op­ti­mal, denn mög­li­cher­wei­se hat der Schuld­ner (z. B. zwi­schen­zeit­lich) noch wei­te­re Auf­trä­ge von dem sel­ben Dritt­schuld­ner er­hal­ten oder ist für ihn auch in an­de­rer Wei­se tä­tig. Der­ar­ti­gen For­de­run­gen wür­den von der ge­ra­de ge­nann­ten For­mu­lie­rung nicht er­fasst. Der Fo­kus der Ta­schen­lam­pe soll­te da­her grö­ßer ein­ge­stellt wer­den, um ei­nen um­fas­sen­de­ren Be­reich aus­zu­leuch­ten. Er darf al­ler­dings nicht so groß sein, dass — um im Bild zu blei­ben — die Rän­der aus­fran­sen, d. h. die Pfän­dung zu un­be­stimmt wird. Un­wirk­sam wä­re da­her man­gels hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit (BGHUR­TEIL VOM 27.04.2017, AZIX ZR 192/15):

al­le rück­stän­di­gen, ge­gen­wär­ti­gen und künf­ti­gen An­sprü­che des Schuld­ners aus Ver­trä­gen oder sons­ti­gen Rechtsgründen

Es geht al­so dar­um, ei­ne For­mu­lie­rung zu fin­den, die so weit­läu­fig wie mög­lich, aber im­mer noch hin­rei­chend be­stimmt ist. Hin­rei­chend be­stimmt ist ei­ne Pfän­dung, wenn sie den Rechts­grund in all­ge­mei­nen Um­ris­sen be­zeich­net. Da­zu der BGH:

Es muß auch für Drit­te er­kenn­bar sein, wel­che For­de­rung des Schuld­ners ge­gen den Dritt­schuld­ner Ge­gen­stand der Pfän­dung sein soll. Des­halb muß der Rechts­grund der ge­pfän­de­ten an­geb­li­chen For­de­rung in der Re­gel we­nigs­tens in all­ge­mei­nen Um­ris­sen an­ge­ge­ben sein […], Über­mä­ßi­ge An­for­de­run­gen sind al­ler­dings bei der Be­zeich­nung der For­de­rung, die ge­pfän­det wer­den soll, nicht zu stel­len, weil der Gläu­bi­ger in der Re­gel die Ver­hält­nis­se des Schuld­ners nur ober­fläch­lich kennt.

BGH, UR­TEIL VOM 26.01.1983, Az. VIII ZR 258/81

Das LG Frank­furt hat­te dar­auf­hin fol­gen­de For­mu­lie­rung für hin­rei­chend be­stimmt gehalten: 

An­sprü­che des Schuld­ners aus Ar­beits­ver­trag, Werk­ver­trag und/oder selb­stän­di­ger Tätigkeit

OLG Frank­furt, Be­schluss vom 01.08.1997, Az. 26 W 79/97

Ob al­ler­dings die sehr weit­ge­hen­de For­mu­lie­rung “aus […] selb­stän­di­ger Tä­tig­keit” ei­ner höchst­rich­ter­li­chen Prü­fung stand­hal­ten wür­de, wa­ge ich zu be­zwei­feln. Im Er­geb­nis könn­te ei­ne stan­dar­di­sier­te For­mu­lie­rung für die Pfän­dung von Ver­gü­tungs­an­sprü­che bei Selb­stän­di­gen und Frei­be­ruf­lern je­doch lauten:

auf Zah­lung von rück­stän­di­gen, ge­gen­wär­ti­gen oder künf­ti­gen Ent­gel­ten, Ver­gü­tun­gen, Werk­löh­nen und Ho­no­ra­ren für durch­ge­führ­te oder durch­zu­füh­ren­de selb­stän­di­ge oder frei­be­ruf­li­che Ar­bei­ten aus Werk‑, Werklieferungs‑, Ge­schäfts­be­sor­gungs- und Dienstverträgen.“

Sie wird in der Pra­xis von ei­ni­gen Voll­stre­ckungs­ge­rich­ten als zu un­be­stimmt be­an­stan­det. Sie for­dern An­ga­ben zu dem kon­kre­ten Auf­trag wie oben im ers­ten Bei­spiel. Das könn­te sie folgt be­an­stan­det werden:

Um die zu pfän­den­den An­sprü­che ein­deu­tig zu be­zeich­nen, ist es er­for­der­lich, den Rechts­grund der For­de­rung hin­rei­chend kon­kret zu be­nen­nen. Dem ge­nü­gen Be­zeich­nun­gen wie aus „Werk­ver­trag“ (Brö­gel­mann, in: Saenger/Ullrich/Siebert, ZPO, 4. Auf­la­ge 2018, § 829 Rn. 41). Selbst die Be­zeich­nung aus „Werk­ver­trag […] oder aus selb­stän­di­ger Tä­tig­keit“ wä­re aus­rei­chend (Krau­se, in: Mün­che­ner Hand­buch zum Ar­beits­recht, Band 1: In­di­vi­du­al­ar­beits­recht I, 4. Auf­la­ge 2018, § 74 Rn. 9; Be­cker, in: Musielak/Voit, ZPO, 15. Auf­la­ge 2018, § 829 Rn. 36). Über­mä­ßi­ge An­for­de­run­gen dür­fen nicht ge­stellt wer­den, weil der Gläu­bi­ger – wie hier – die Ver­hält­nis­se des Schuld­ners in der Re­gel nur ober­fläch­lich kennt (BGH, Ur­teil vom 27.04.2017, Az. IX ZR 192/15). Es ist da­her nicht er­sicht­lich, wes­halb die durch den Gläu­bi­ger ge­wähl­te Be­zeich­nung „auf Zah­lung von rück­stän­di­gen, ge­gen­wär­ti­gen oder künf­ti­gen Ent­gel­ten, Ver­gü­tun­gen, Werk­löh­nen und Ho­no­ra­ren für durch­ge­führ­te oder durch­zu­füh­ren­de selb­stän­di­ge Ar­bei­ten aus Werk‑, Werklieferungs‑, Ge­schäfts­be­sor­gungs- und Dienst­ver­trä­gen“ un­zu­rei­chend be­stimmt sein sollte.

Ne­ben der An­ga­be des Rechts­grun­des be­darf es zur hin­rei­chend be­stimm­ten Be­zeich­nung der zu pfän­den­den For­de­run­gen kei­ner wei­te­ren iden­ti­fi­zie­ren­den Merk­ma­le. Das gilt bei der Pfän­dung von So­zi­al­leis­tun­gen für die An­ga­ben der Kon­to- oder Ver­si­che­rungs­num­mer (Brö­gel­mann, a.a. O., § 829 Rn. 43), bei der Pfän­dung von Kon­to­gut­ha­ben für die An­ga­ben der Kon­to­num­mer (Rie­del, in: Beck­OKZPO, 30. Edi­ti­on 2018, § 829 Rn. 118.1; Bendt­sen, in: Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Ge­sam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 3. Auf­la­ge 2015, § 829 Rn. 43; Brö­gel­mann, a. a. O., § 829 Rn. 45; Krätz­schel, in: Beck’sche On­line-For­mu­la­re Erbrecht, 21. Edi­ti­on 2018, 12.4.3 Rn. 4; Koch, in: Schaub, Ar­beits­rechts-Hand­buch, 17. Auf­la­ge 2017, § 85 Rn. 9) und hier für die Be­zeich­nung ei­nes kon­kre­ten Ver­tra­ges. Das kann be­reits des­halb nicht er­for­der­lich sein, weil dann die Pfän­dung künf­ti­ger An­sprü­che von vorn­her­ein aus­schei­den würde.

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Pfän­dung von Ver­gü­tungs­an­sprü­chen bei Selb­stän­di­gen und Freiberuflern