Nicht we­ni­ge ar­beits­lo­se Schuld­ner ha­ben kein ei­ge­nes Kon­to und das Job­cen­ter über­weist das ALG II für die Be­darfs­ge­mein­schaft auf das Kon­to ih­rer nicht-schuld­ne­ri­schen Le­bens­ge­fähr­tin. Der Gläu­bi­ger kann in die­ser Kon­stel­la­ti­on den Her­aus­ga­be­an­spruch des Schuld­ners ge­gen die Le­bens­ge­fähr­tin nach § 667 BGB pfän­den und sich zur Ein­zie­hung über­wei­sen las­sen. Doch was pas­siert, wenn der Schuld­ner dar­auf­hin beim Amts­ge­richt die Frei­ga­be der Be­trä­ge be­an­tragt, die der Hö­he nach sei­nem ALG-II-An­spruch ent­spre­chen? Wie soll­te der Gläu­bi­ger Stel­lung neh­men?

Die ein­zi­ge Rechts­grund­la­ge, auf die das Amts­ge­richt in der­ar­ti­gen Fäl­len ei­ne Frei­ga­be stüt­zen könn­te, ist § 765a ZPO. Da die Le­bens­ge­fähr­tin we­der Kre­dit­in­sti­tut noch So­zi­al­leis­tungs­trä­ger ist, sind we­der § 850k ZPO noch § 54 Abs. 4 SGB I i.V.m. § 850c ZPO an­wend­bar (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 29.05.2015, Az. 1 BvR 163/15).

Das LG Ber­lin hat­te 2019 ei­nen ent­spre­chen­den Fall zu ent­schei­den. Es sah ei­ne sit­ten­wid­ri­ge Här­te und gab dem Schuld­ner ent­spre­chen­de Be­trä­ge frei (LG Ber­lin, Be­schluss vom 08.04.2019, 84 T 321/18). Haupt­ar­gu­ment war, dass das ge­sam­te ALG II für die Be­darfs­ge­mein­schaft nach § 38 SGB II an das an­trag­stel­len­de Mit­glied der Be­darfs­ge­mein­schaft aus­ge­zahlt wird, der Schuld­ner aber ei­ne Mög­lich­keit ha­ben muss, auf sein ALG II zu­zu­grei­fen.

Dem kann mit BVerfG, Be­schluss vom 29.05.2015, Az. 1 BvR 163/15 ent­ge­gen­tre­ten wer­den: “Dem Schuld­ner steht in die­ser Kon­stel­la­ti­on der Weg über ein (ei­ge­nes) Pfän­dungs­schutz­kon­to of­fen, wenn er Gel­der auf Kon­ten vor Pfän­dung schüt­zen will. […] Die­sem Schutz ent­zieht sich der Schuld­ner selbst, in­dem er es un­ter­lässt, da­für Sor­ge zu tra­gen, dass die Zah­lun­gen auf sei­nem Pfän­dungs­schutz­kon­to ein­ge­hen, und er al­lein auf­grund des feh­len­den Pfän­dungs­schutz­kon­tos den Fall ei­ner be­son­de­ren Här­te im Sin­ne des § 765a ZPO her­bei­zu­füh­ren sucht […]. Der Schuld­ner hat nach dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers selbst für den Schutz sei­nes [Ein­kom­mens] Sor­ge zu tra­gen, in­dem er al­les da­hin ver­an­lasst, dass sei­ne Zah­lun­gen auf ei­nem ei­ge­nen Pfän­dungs­schutz­kon­to statt auf dem Kon­to ei­nes Drit­ten ein­ge­hen. Kommt er dem nicht nach, so kann die Pfän­dung der be­tref­fen­den Be­trä­ge bei ei­nem Drit­ten auch kei­ne” sit­ten­wid­ri­ge Här­te im Sin­ne des § 765a ZPO be­grün­den.

Ge­gen die obi­ge Ent­schei­dung des LG Ber­lin spricht zu­dem, dass die ge­mein­sa­me Aus­zah­lung an das an­trag­stel­len­de Mit­glied der Be­darfs­ge­mein­schaft nach § 38 SGB II auf der wi­der­leg­ba­ren Ver­mu­tung be­ruht, die­ses Mit­glied sei durch die an­de­ren Mit­glie­der der Be­darfs­ge­mein­schaft ent­spre­chend be­voll­mäch­tigt (§ 38 Abs. 1 S. 2 SGB II). Der Schuld­ner könn­te dem Job­cen­ter da­her oh­ne Wei­te­ren mit­tei­len, das ei­ne ent­spre­chen­de Be­voll­mäch­ti­gung nicht be­steht und das ALG II auf sein ei­ge­nes P‑Konto aus­zu­zah­len ist, um es dort vor ei­ner Pfän­dung zu schüt­zen. Macht der Schuld­ner da­von aus ei­ge­nem Ent­schluss kei­nen Ge­brauch, kann er mit Ver­weis auf § 38 SGB II kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Här­te be­grün­den.

Der Gläu­bi­ger soll­te da­her in sei­ner Stel­lung­nah­me le­dig­lich

  • auf die zi­tier­te Ent­schei­dung des BVerfG hin­wei­sen und
  • er­läu­tern, dass kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Här­te im Sin­ne des § 765a ZPO vor­liegt, weil es der Schuld­ner un­ter­las­sen hat, da­für Sor­ge zu tra­gen, dass sein ALG II ent­ge­gen § 38 SGB II auf ei­nem ei­ge­nen Pfän­dungs­schutz­kon­to ge­schützt wird.

Ein Hin­weis auf die Ent­schei­dung des LG Ber­lin ist aus Gläu­bi­ger­sicht nicht an­ge­zeigt.

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Kon­to­lei­he und Ar­beits­lo­sen­geld